“Das Kreuz mit der Swastika“ oder auch „Die Sache hat einen Haken“.

Swastika“ oder „Hakenkreuz“ – was für ein Tattoo ist das? Diese Frage geistert alle paar Jahre oder sogar Monate durch die Tattooszene. Was auf einer Tattooconvention selber vielleicht eine zweiminütige Diskussion wäre, ufert im Internet in den einschlägigen Tattoo-Foren und Tattoo-Gruppen regelmäßig in einen Glaubenskrieg aus.

Hunderte selbsternannte Tattoo- Hinduismus- und Nazi-Experten verbreiten dann ungefragt ihr „Fachwissen“ in der Weltgeschichte. Aber über Tattoo-Foren und -Gruppen sowie den Blödsinn der darin verbreitet wird könnte ich sowieso ein ganzes Buch schreiben.

Swastika-Tattoo-Alarm auf der Tattooconvention Berlin

Jetzt war es wieder soweit: Vor ein paar Jahren auf der Dortmunder Tattoocon fing sich ein bekannter Tattoo-Supplier aus Bayern wegen seiner Swastika-Tattoomaschinen (oder waren es Fußschalter) eine Anzeige ein. Das Verfahren wurde übrigens eingestellt.

Diesmal hat es die Berliner Tattooconvention erwischt. Was für ein Jammer: Da veranstaltest seit 29 Jahren eine der ältesten, größten und angesehensten Tattoomessen in Deutschland – und über was berichten die Medien?

Nicht darüber, dass hunderte Tätowierer – buntgemischt und multikulturell – aus aller Welt die zu den besten zählen eine wunderbare Messe mit einer tollen Atmosphäre vorfinden. Auch nicht darüber, dass tausende Besucher – ebenfalls aus sehr vielen Nationen  – drei Tage lang eine riesige Party feiern. Obwohl sie von ihrer Optik zum Teil für die Durchschnittsbevölkerung furchterregend & kriminell aussehen. Oder einfach darüber, ddass sich die Messebesucher Hautkunst auf allerhöchstem Niveau abholen.

Nein, es wird über einen „Nazi-Skandal“ geschrieben – denn „Skandale“ bringen mehr Klicks als eine Fachmesse, und „Nazis“ bringen sowieso Klicks. Beides zusammen bringt jede Menge Diskussionen und noch mehr Klicks und somit mehr Werbeeinnahmen.

(Ich verlinke betreffenden Medien hier jetzt absichtlich nicht, um ihnen nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen)

Swastika-Tattoo gut sichtbar auf der Bühne

Was war geschehen? Eine junge Dame, die entweder am Tattoocontest oder der Tattoo-Miss-Wahl teilgenommen hat, trug ein kurzes Kleid und auf ihren Oberschenkeln sind gut sichtbar zwei große Swastika-Tattoos tätowiert. Zur Bedeutung der Swastikas komme ich gleich. Ihr könnt sie aber auch einfach auf Wikipedia nachlesen.

Jetzt würde ein kurzer Blick auf die Dame (sie trug eine Frisur mit langen Rastas) oder ein Gespräch mit ihr für die Presse natürlich genügen, um festzustellen dass es sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit um keinen Nazi handelt. Aber darum geht es mir hier gar nicht.

Bedeutung der Swastika

Mir ist durchaus bekannt, dass Swastika-Symbole tausende von Jahre alt sind, dass sie Glückssymbole sind, dass man sie auch beim Dalai Lama findet. Auch dass Adolf Hitler sich das Zeichen nur für wenige Jahre geliehen bzw. er und die Nazis es missbraucht haben ist mir nicht neu.

Zudem findet man das Zeichen heute noch in sehr vielen Kulturen – ich war ja erst vor kurzem in Japan und da werden mit Swastikas heute noch die Tempel auf den Stadtplänen markiert. Alles bekannt, alles soweit in Ordnung.

Warum gerade dieses Symbol als Tattoo?

Ich bewege mich jetzt ja doch schon ein paar Jahre in der Tattoszene. Dabei habe ich durchaus einige Leute getroffen, denen ich bei ihren tätowierten Swastikas abgenommen habe, dass sie für ihr seelisches Gleichgewicht unbedingt eine Swastika tätowiert haben müssen.

Bei der großen Mehrheit hatte ich jedoch immer das Gefühl, dass sie die Swastika aus genau einem Grund tätowiert haben. Weil sie ganz genau wissen, dass bei „Swastika“ jeder zuerst einmal an „Hakenkreuz“ denkt. Weil man – wenn man darauf angesprochen wird – so toll den oberschlauen Hobby-Hinduisten heraushängen lassen kann.

„Das ist kein Hakenkreuz, das ist eine Swastika“.

Aha. Auf die Frage, warum es denn gerade die Swastika sein muss, kommt dann fast immer die gleiche Antwort. „Weil man dieses tolle Symbol nicht den Nazis überlassen darf“.

Das ist eine umwerfende Logik. Nach der gleichen Logik könnte man sein Kind auch „Adolf“ nennen, weil man diesen tollen Namen… ach, egal.

Ich bin ja wirklich, wirklich kein Fan der „wir Deutsche haben eine moralische Verantwortung“-Keule, die so gern geschwungen wird. Aber es leben halt in Deutschland noch so ein paar Menschen, die unter´m Hakenkreuz wirklich schlimme Dinge erlebt haben. Oder wissen, dass ihre (Groß-)Eltern unter´m Hakenkreuz gestorben sind.

Unendlich viele Glückssymbole – tätowiert wird meist die Swastika

Müssen die wirklich eure Swastika anschauen, damit ihr cool, hipp, provokant oder was auch immer seid? Muss es genau dieses Zeichen sein? Warum kein Ashtamangala? Warum kein Srivatsa? Oder ein Chhatraratna? Warum keines von den unendlich vielen vorhandenen Glückssymbolen auf dieser Welt, sondern genau die Swastika?

Ganz einfach: weil jeder bei „Swastika“ zuerst an „Hakenkreuz“ denkt.
Ihr wollt auffallen und provozieren mit eurer Swastika? Glückwunsch, habt ihr u.a. in Berlin geschafft. Der farbenfrohen, friedlichen Tattooszene habt ihr damit – nicht nur in Berlin – einen Bärendienst erwiesen.

Stephan Tempel

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