Pain & Fame – wer wird Deutschlands bester Tätowierer?

Nachdem die Sendung ja in der vergangenen Woche hohe Wellen geschlagen hat, melde ich mich dann pünktlich am Tag der zweiten Sendung zu Wort:

Gesucht wird laut Aussage der Sendung “der beste Tätowierer Deutschlands” und genau daran hängen sich viele auf – bei dem Thema sollte man sich gepflegt entspannen: sowohl die Teilnehmer selber (zumindest soweit mir bekannt) als auch die Jury weiß vermutlich, dass es nicht darum geht, den besten Tätowierer Deutschlands zu suchen – aber solche Superlative braucht man halt für die Quote.

Gerade die Tätowierer unter den Kritikern, aber auch die Tattoofans sollten hier nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen: auch bei einem Best-of-Show-Contest bei der Tattooconvention Entenhausen sucht man nicht Entenhausens besten Tätowierer, sondern halt den Tätowierer der auf dieser Messe anwesend ist und – nach dem Geschmack der Jury – das beste Tattoo auf dieser Veranstaltung tätowiert hat.

Ähnlich verhält es sich hier: man sucht halt unter den teilnehmenden Tätowierern den besten. Fertig.

Ebenfalls ein Streitpunkt ist die Jury, insbesondere Sophia Tomalla: ich gestehe: ich kannte die bis zu den Teasern für Pain & Fame nicht und richtig bewusst wurde sie mir erst durch ihren Flüchtlings-Post – ich schau halt kaum Fernsehen, die Regenbogen-Presse interessiert mich genau so viel wie der Ratsch & Tratsch in der Szene und so befürchtete ich vor der Sendung das schlimmste. Ich bin aber der Meinung sie hat die Sache sehr gut gemacht und ist auch eine gute Besetzung – schaut hübsch aus, kann moderieren und hat eine gewisse Vorliebe für Tattoos wie unschwer zu erkennen ist.

Wer der Meinung ist, sie wäre eine Fehlbesetzung: wer wäre denn in euren Augen die bessere Wahl gewesen?

Über die Qualifikation von Randy Engelhard und Mario Barth muss man glaub ich keine großen Worte verlieren: Randy kennt spätestens seit Horror-Tattoos wirkich jeder, sein kometenhafter Aufstieg spricht für sich. Ebenso schaut es bei Mario aus – wer ein paar Dutzend Jahre in der Szene aktiv ist, ein paar hochklassige Tattoostudios am Las-Vegas-Strip hat und so nebenbei die beste und bekannteste Tattoofarbe produziert, muss irgendwas richtig gemacht haben – meiner Meinung nach sehr, sehr viel.

Mir persönlich hat sehr gut gefallen, als Mario die eine Tätowiererin zusammengefaltet hat, die ein Motiv vorbereitete, ohne zu wissen auf welche Körperstelle es kommen sollte. Auch der eine oder andere Tätowierer kann hier noch was lernen – konnte man ja sehr schön in der Show sehen.

Was mir persönlich nicht gefällt, aber nicht sonderlich viele Leute zu stören scheint: die Bezeichnung “Leinwand” für das Modell – und die Tatsache, dass die Motive vorgegeben werden. Sixx hatte ja bei uns – genauer gesagt bei Julia Tempel – wegen eben jener Show angefragt, aber das war der Punkt wo von ihrer Seite die Absage kam. Rein hypothetisch: hätte ich etwas mehr Platz an mir und wäre als Modell mitgekommen, wäre ich bereits bei dem ersten Tattoo ausgestiegen – “mein größtes Geheimnis” (das war der Titel) bleibt nämlich bei mir… und ich bin/wir sind auch immer Fans davon, dass möglichst große Tattoos eine Geschichte erzählen sollen, aber das ist Geschmackssache: wenn jemand sagt ich will viele verschiedene Tattoos auf meinem Körper, dann ist das ja auch vollkommen ok. Ich persönlich finde das z.B. bei Oldschool richtig geil, aber das ist einfach eine Geschmacksfrage.

Viele fänden es cool, wenn die Tätowierer keinen Photoshop etc. hätten und alles per Hand zeichnen müssten: yep, wäre es… aber die Realität, der Alltag im Tattoostudio schaut heutzutage halt nun einmal etwas anders aus.

…womit wir auch schon beim letzten und meiner Meinung nach entscheidenden Punkt wären: was für eine Auswirkung haben solche Sendungen auf die Szene? Sind ja in der letzten Woche viele, viele einzig wahre Hüter der Tattooszene aus allen Löchern hervorgekommen und haben kübelweise Dreck geworfen.

Da stellt sich die Frage: Was ist “Szene” überhaupt? Die Tattoostudios aus der Zeit von Herbert Hoffmann, die ich nur von Erzählungen und aus Büchern kenne? Oder die Studios, in denen ich vor 25 Jahren das erste mal drinnen war? Wo Du genau die Wahl hattest zwischen den Vorlagen an der Wand und aus den Vorlagenbüchern am verrauchten Tresen? Das ist auch die Zeit, als ich die ersten Tätowiermagazine noch in der internationalen Presse am Hauptbahnhof gekauft habe, denn deutschsprachige gab es leider noch keine… von Tätowiermaschinen, Supply, Nadeln in allen Formen und Größen, Rotary-Maschinen, Nadelmodulen etc reden wir noch gar nicht….

…oder reicht es schon, 10 Jahre zurückzugehen? Als man an Facebook, Instagram und Co. noch gar nicht dachte und viele, viele Reisen zu vielen Messen in der Hoffnung auf ein Bildchen oder einen Satz im Tätowiermagazin die einzige Möglichkeit war, ansatzweise bekannt zu werden? Das ist dann auch die Zeit, als wir im Tätowiermagazin auf einen gewissen Randy gestoßen sind und bald darauf unseren eigenen Shop eröffnet haben… etwas, was zu “Oldschool-Szenezeiten” undenkbar gewesen wäre… ebenso würde es ganz, ganz viele künstlerische Talente als Tätowierer nicht geben wenn sich die “Szene” nicht entwickelt hätte. Stundenlang könnte man über dieses Theme philosophieren…(und machen wir im Tempel auch oft und gerne 🙂)

Wer mehr Zeit für die Pflege von seinem Instagram- und seinem Facebook-Account verwendet als für Entwürfe von Tattoovorlagen, soll zum Theme “Tattooszene” ganz einfach die Fresse halten!

Pain & Fame ist vor allem eines:

1. Unterhaltung
2. Die Chance für acht Tätowierer, deutlich bekannter zu werden
3. Für die gesamte Tattooszene eine riesige Chance, weil wieder ein paar hunderttausend Menschen Einblicke bekommen, was heutzutage mit Tattoos möglich ist – was nicht zuletzt auch denen die jetzt am lautesten schimpfen wieder viele neue Kunden in die Studios spülen wird.

Ich bin froh dass mit Randy und Mario zwei Leute da drinnen sitzen die wirklich Ahnung haben – ich denke beide hätten es nicht wirklich nötig und haben es vor allem nicht verdient, für diese Szeneentwicklung angefeindet zu werden – größtenteils vermutlich von Leuten, die selber gerne im Fernsehen gewesen wären.

Heute Abend um 20:15 Uhr auf Sixx. Gute Unterhaltung.

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